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Gespräch mit Ferdinand Urbach (TAG), Markus Handl (Hafenjunge) und Isamu Hohenegger (Finkh)

Menschen sitzen beim Esterhazy-Gassenfest im FreienDas beliebte Esterházy-Gassenfest, das am 12. Juni 2015 bereits zum fünften Mal stattfindet, wird vom Theater TAG, dem Restaurant Finkh und der Agentur/Kneipe Hafenjunge organisiert. Im Gespräch mit Ferdinand Urbach (TAG), Markus Handl (Hafenjunge) und Isamu Hohenegger (Finkh) wurde über Nachbarschaft, Projektideen und damit verbundenen organisatorischen Aufwand geplaudert.

Markus Steinlechner (Moderation): Was bedeutet für euch Nachbarschaft beziehungsweise gute Nachbarschaft?

Markus Handl: Ich erlebe hier die ganze Bandbreite an Nachbarschaft – Leute, mit denen ich mittlerweile befreundet bin und andere, die mich seit fünf Jahren ignorieren. Es gibt die, die mit Ideen kommen, mit denen man irgendwie zusammenarbeitet und zum Beispiel die Grünscheiben gemeinsam pflegt. Und es gibt andere, die in der Früh mit dem Auto zur Arbeit fahren und erst am Abend wiederkommen und mit denen man daher weniger Kontakt hat. Das, was wir vom Gassenfest untereinander haben, ist auch gute Nachbarschaft: Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern machen miteinander Projekte.

Ferdinand Urbach: Naja, wir als Theater haben ja ein grätzelübergreifendes Publikum, das aus ganz Wien und Umgebung kommt. Aber wir sind an dem Ort, an dem wir sind, und wollen dort möglichst vernetzt und gut koexistieren. Diese Koexistenz hat ganz praktische Gründe, da wir in einem Wohnhaus unser Theater haben und dadurch gewisse Konflikte entstehen können. Man ist eben sozial eingebettet und da ist es gut, wenn man sich kennt, weil man dann den Anderen mit seinen Bedürfnissen, Wünschen und Ärgernissen einfach besser versteht. Und erst dann kann man auch miteinander reden und Konflikte lösen.

Markus S.: Wie würdet ihre eure Nachbarschaft in einem Wort beschreiben?

Ferdinand: Esterházy-Gassenfest! Weil das die sichtbare, eventisierte Nachbarschaft zum Angreifen ist. (lacht)

Markus S.: Wie würdet ihr das Grätzel jemandem beschreiben, der noch nie hier war?

Markus H.: Also tagsüber ist es relativ ruhig bei uns, dafür erwacht das ganze Eck am Abend. Unser Bezirk ist genial, um wegzugehen. Zum Beispiel in die Schadekgasse mit dem Future Garden oder in das Tanzcafé Jenseits.

Ferdinand: Zentrumsnah, in guter Lage. Divers, abgefuckt, hip. Punkvergangenheit. Viele Schwulen- und Lesbenthemen. Auf jeden Fall aufstrebend. In zehn Jahren ist es hier sicher noch teurer und „verboboisierter“.

Markus H.: Also mir kommt es dörflich vor, zumindest bei uns in der Gasse. Ich glaub, der große Bruch befindet sich da auf der Gumpendorfer Straße. Dort ist der Knackpunkt.

Ferdinand: Die Apollo-Barriere.

Isamu Hohenegger: Das wird eh öfter so bezeichnet – untere Gumpendorfer Straße und obere Gumpendorfer Straße. Da gibt es sowohl eine räumliche Aufteilung, als auch von der Einstellung der Leute her. Während die untere Gumpendorfer Straße schon hip ist und zu einer bekannteren Weggehzone geworden ist, ist die obere Gumpendorfer Straße noch sehr gemütlich und langsam.

Markus H.: Aber ich wette mit dir: Wenn man eine von den Spuren wegnehmen würde und da ein Grünstreifen wäre, an dem man entlang spazieren könnte zwischen unserem und dem anderen Teil, dann würde das zusammenwachsen.

Isamu: So eine Verbindung zu haben, wäre natürlich ideal. Es wäre sehr schön, wenn man den oberen und den unteren Teil sowohl räumlich als auch visuell zusammenführen könnte.

Markus S.: Ihr habt ja mit dem Esterhazy-Gassenfest bereits ein nachbarschaftsförderndes Projekt auf die Beine gestellt. Wie könnte man weitere Leute für ähnliche Projekte motivieren?

Markus H.: Was ich wirklich als Problem sehe, ist der enorme organisatorische Aufwand, der zum Beispiel beim Gassenfest entsteht. Dankenswerterweise übernimmt das TAG hier einen großen Brocken an Organisation und Bürokratie. Das tut sich eine Privatinitiative nicht an. Auch wenn die Nachbarn nebenan dreimal sagen, sie würden gerne einen Gassenflohmarkt veranstalten – die tun sich diesen Riesenaufwand nicht an. Und an dem scheitern ganz viele Privatinitiativen. Aber das Interesse wäre definitiv vorhanden. Würde das Ganze unbürokratischer ablaufen, würde das ganz viel ändern.

Isamu: Wenn es einmal genehmigt wird, sollte es im Folgejahr – vorausgesetzt, es hat alles gepasst – einfacher gehen.

Markus S.: Habt ihr selbst noch irgendwelche neuen nachbarschaftlichen Ideen?

Markus H.: Also ich träum die ganze Zeit davon, dass wir eine Plastikplane auf der Gasse ausrollen, Wasser aufdrehen und dann im Sommer eine Rutsche machen. (lacht)

Ferdinand: Eine Wohnstraße wär schon mal ein Anfang. Es wurden vor circa drei Jahren Bäume gepflanzt, was ich super fand. Der nächste Schritt wäre eigentlich eine Wohnstraße.

Markus S.: Ich sehe schon, ihr wollt die Bürokratie und das ganze Drumherum ändern.

Markus H.: Ja, das eine bedingt irgendwie das andere. Die Leute trauen sich nicht einmal, sich mit dem Sessel am Wochenende runter auf die Straße zu setzen. Mit solchen Sachen beginnt es einfach. Die Nachbarn lernt man nicht kennen, wenn alle in ihrer eigenen Wohnung sitzen, sondern nur, wenn man Sachen gemeinsam unternimmt.

Markus S.: Wen oder was sollte man außer euch in der Nachbarschaft kennen?

Ferdinand: Man sollte den Einzelhandel beziehungsweise den Fachhandel aufsuchen. Wir haben sicherlich das beste Gitarrengeschäft Wiens hier vorne mit dem Mac Music, wir haben zwei sehr gute Fahrradgeschäfte und wir haben den Fleischer Ringl.

Markus H.: Ich finde es auch schön, dass man mit dem Meldezettel vom 6. Bezirk gratis auf den Flakturm gehen kann. Man hat so eine schöne Aussicht von dort oben. Gerade im Frühjahr, wenn es in den Gassen noch kühl und finster ist und dort oben fast den ganzen Tag die Sonne scheint.

Markus S.: Möchtet ihr noch etwas hinzufügen?

Markus H.: Für Nachbarschaft wäre eine Initiative gut, die fördert, dass Leute mit einem reden anstatt gleich die Polizei zu rufen. Das ist so eine Unart: selbst nichts sagen und zur Polizei gehen.

Ferdinand: Das habe ich eh vorher gesagt: Wenn man sich kennt, dann redet man auch miteinander.

Isamu: Die meisten Leute in der Stadt leben lieber in ihrer Seifenblase anstatt Kommunikation mit anderen zu führen, da von vornherein eine Skepsis da ist. Unsere Intention ist es ja, das Viertel mehr zu beleben, damit mehr Leute vorbeikommen und einfach irgendwie Anteil an dieser Gasse haben. Damit sie die Gasse auch richtig genießen können, denn es ist ja wirklich schön hier.
Stadtbegrünung ist für mich auch ein wichtiges Thema. Dass man Ideen für Vertikalbegrünung findet und mit dem Smart City Konzept mitgeht. Da gibt es bereits tolle Ideen, aber das kann natürlich nicht die Bezirksvorstehung übernehmen. Es gibt momentan von der Stadt ausgehend einen Urban Gardening Wettbewerb – Leute pflanzen im urbanen Raum etwas an und das wird dann zum Teil subventioniert. Und Preisgeld gibt es auch. Es wäre eigentlich wichtig, dass man solche Informationen besser an die Leute bringt. Dann würden sie sich auch eher von alleine engagieren.

Zu den Personen

Ferdinand Urbach ist Geschäftsführer des Theaters TAG – Theater an der Gumpendorfer Straße.  Isamu Hohenegger ist Geschäftsführer des Restaurants Finkh. Markus Handl ist Designer und Betreiber von Hafenjunge.

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