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Gespräch mit Angelika Stuparek, Juvivo 6

Kinder und Erwachsene bei einem StraßenfestAngelika Stuparek, die Leiterin von Juvivo im 6. Bezirk, kennt hier circa 30 Nachbarinnen und Nachbarn. Gute Nachbarschaft bedeutet für sie, dass man sich kennt, auf unterschiedliche Bedürfnisse Rücksicht nimmt und auch bei Konflikten gesprächsbereit bleibt. Freundschaft ist für sie nicht unbedingt eine Voraussetzung dafür. Es kann auch alles gut funktionieren, wenn man nicht so eng ist.

Markus Steinlechner (Moderation): Was bedeutet für dich der Begriff Nachbarschaft?

Angelika Stuparek: Es macht für mich einen Unterschied, ob ich das als Privatperson oder als Institution beantworte. Grundsätzlich bedeutet Nachbarschaft für mich, dass man sich kennen sollte. Dass man ein bisschen etwas voneinander wissen sollte, damit man gut miteinander auskommt und damit man Verständnis für die jeweiligen anderen in der Umgebung hat. Dass man weiß, was für Bedürfnisse sie haben und dass man auch bereit ist, über Dinge hinwegzusehen, die einen stören. Und dass man weiß, dass man selbst auch Sachen macht, die andere vielleicht stören. Nachbarschaft kann sehr unterschiedlich sein. Es kommt ein bisschen darauf an, wie das strukturiert ist. Wenn man in einem Bau wohnt, wo es eng ist, kennt man sich wahrscheinlich ein bisschen besser. Dafür entstehen vielleicht mehr Konflikte, weil es weniger Spielraum gibt. Aber ich finde es schwierig, das allgemein zu beantworten.

Markus: Was bedeutet für dich gute Nachbarschaft?

Angelika: Das, was ich vorher bei Nachbarschaft beschrieben habe, ist eigentlich schon das, was ich mir unter guter Nachbarschaft vorstelle. Dass man sich kennt, dass man auf die Bedürfnisse Rücksicht nimmt, dass man auch bei Konflikten gesprächsbereit bleibt. Im besten Fall kommen irgendwelche näheren Bindungen zustande, aber als Institution ist das im privaten Bereich eher nicht so. Auf Institutionsebene können natürlich wieder Bindungen entstehen. Es können sich auch Freundschaften entwickeln, wobei ich das nicht als Voraussetzung für gute Nachbarschaft empfinde. Es kann alles gut funktionieren, ohne dass man unbedingt ganz eng sein muss.

Markus: Kennst du Projekte oder Institutionen, die Nachbarschaft fördern?

Angelika: Die Gebietsbetreuung, das Nachbarschaftszentrum  – ich würde uns selber auch dazu zählen, im Sinne von gemeinwesensorientierter Arbeit. Eigentlich würde ich fast alle sozialen Institutionen als nachbarschaftsfördernd bezeichnen, weil sie eben auch Bedürfnisse von Randgruppen aufgreifen und Verständnis von anderen fördern. Die könnte ich jetzt nicht alle aufzählen, das sind wirklich sehr viele. Im 6. Bezirk gibt es da eine sehr hohe Dichte.

Markus:  Was könntest du zu einem besseren Miteinander beitragen?

Angelika: Das geht alles in eine ähnliche Richtung: Erstens mal, dass man offen für Kontakt mit allen und für die Bedürfnisse von Allen ist. Und dass man bereit ist, Kompromisse einzugehen, Verständnis zu schaffen und sich zu vernetzen. Gerade das Vernetzen mit wichtigen Institutionen im Bezirk ist immer wichtig für eine gute Nachbarschaft, auch weil man dann weiß, was sich im Bezirk tut.

Markus: Kannst du das Grätzel jemandem beschreiben, der noch nie hier war?

Angelika: Grundsätzlich ist der 6. Bezirk sehr vielfältig. Es gibt wirklich sehr unterschiedliche Leute hier. Einerseits ist er so ein bisschen „in“ zum Weggehen, es kommen auch sehr viele Leute, die nicht hier wohnen, durch das Kino, die Mariahilfer Straße oder die Lokale hierher. Und andererseits ist es eben von den sozialen Schichten her extrem durchgemischt: Es gibt Leute, denen es sehr gut geht und es gibt Leute, denen es weniger gut geht und bis hin zu Leuten, die eben wirklich auf der Straße leben. Und dafür, dass es so unterschiedliche Realitäten gibt, funktioniert es aber relativ gut, find ich. Ich würde nicht sagen, dass es hier irgendwelche speziellen Konflikte gibt, die es nicht woanders auch gibt.

Markus: Wen oder was sollte man in deiner Nachbarschaft unbedingt kennen?

Angelika: Ich finde der Esterhazypark ist zentral und auch irgendwie bezeichnend für den Sechsten. Den kennt eigentlich jeder und er bietet sehr viele Möglichkeiten für ganz unterschiedliche Leute.

Markus: Welche drei Geschäfte beziehungsweise Institutionen dürfen niemals zusperren?

Angelika: Uns selbst mal ausgenommen würde ich sagen: Puh, das ist echt schwierig. Da mir Geschäfte persönlich jetzt nicht so wichtig sind, denke ich da eher an die Institutionen und von denen gibt es sehr viele, die alle sinnvoll und wichtig sind, gerade auch im Obdachlosenbereich. Ich bin Sozialarbeiterin und insofern denke ich natürlich schon speziell an die Randgruppen.
Die Gruft, die existiert schon so lange und ist für viele Menschen wichtig, das kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es die nicht mehr gibt. Und auch das Jedmayer, die Suchthilfe Wien, ist sehr wichtig. Obwohl es da ja sehr viel Widerstand in der Nachbarschaft dort gegeben hat. Und das Nachbarschaftszentrum. Aber es ist schwierig hier eine Auswahl zu treffen, da ich alle anderen auch als wichtig empfinde.

Markus: Hast du einen Lieblingsort hier im Bezirk?

Angelika: Ich persönlich mag am liebsten den Alfred-Grünwald-Park. Von außen sieht man den gar nicht so gut, der ist sehr gemütlich. Aber als Institution gesprochen, ist wohl der Esterhazypark am Spannendsten. Wir nützen zwar die anderen Parks auch, aber der ist einerseits sehr beliebt und andererseits finde ich, das Schöne dort ist, dass man so viele unterschiedliche Leute sieht: Von Obdachlosen über Studenten, die dort auf der Wiese liegen, über Kinder, Leute, die dort trainieren, und alte Menschen, die dort sitzen – es gibt einfach alles!

Zur Person

Angelika Stuparek ist Leiterin von Juvivo im 6. Bezirk.

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